Bye Bye Freiheit.

Der Urlaub mit den Sohn und den Mädels war wunderbar. Alles hat gut geklappt.
3 Frauen an meiner Seite, die mir immer und überall geholfen haben. Perfekt.

Der Abschluss dieser gemeinsamen Zeit sollte das Burt Bacharach Konzert im Admiralspalast werden, mit meinen Mann Hand in Hand und noch ein paar guten Freunden, die diesen Mann genauso verehren wie ich.

Das Konzert war sehr bewegend. Burt Bacharach ist mittlerweile 90 Jahre alt, er steht krumm auf der Bühne, spielt Klavier und singt mit brüchiger Stimme. Aber genau das ist es. Wir allen lieben ihn dafür. Er hat die schönsten Songs geschrieben und beginnt das Konzert mit „What the world needs now“ – Unserem Hochzeitssong.
Tränen kullern, nicht nur bei mir. Alle im Saal stehen auf und applaudieren.

Im Anschluss noch mit besten Freunden die leckersten Pommes der Stadt verdrückt und dazu eine Flasche hervorragenden Chablis (Danke Hans) genossen.
Eigentlich müsste ich doch beseelt sein. Im Anschluss mit offenem Fenster im Taxi durch Berlin. Pures Leben da draußen. So viele Menschen sitzen auf den Straßen, essen hier nen Döner und ziehen dann weiter in nächste Etablissement. Ich gucke mir Menschen an sehe ihre Freiheit. Alle sind frei. Das stimmt mich melancholisch.
Und ja ich heule schon wieder.

Das schlimmste neben der Tatsache, dass ich weiß, dass ich meine Lieben verlassen muss, ist das Verlassen der Unabhängigkeit. 

Freiheit habe ich nur noch im Kopf.

Mittlerweile bin ich immer mehr an den Rollstuhl gebunden. Das Laufen wird zum Schlürfen, die Muskulatur bringt die Füße nicht mehr richtig hoch. Aus dem Rollstuhl komme ich nicht alleine mehr hoch.

Permanent brauche ich Hilfe.

Immer und fast überall.

Dabei bin ich gerne allein.

Ich vermisse meine Unanhangigkeit, meine Freiheit. Einfach Dinge zu tun. spontan sein zu können, mit meinem Sohn ins Auto zu steigen und ja verbotenerweise zu Mc Donalds fahren und ihm ein Happy Meal zu kaufen, Fenster auf und Musik laut.

Wir grölen mit. Und klar wir sitzen in meinem Alfa Spider und Neil ist stolz wie Bolle, weil er so ne coole Mutter hat.

Verdammte Axt so vieles wird nie mehr sein. Ich bin froh und dankbar, dass ich viel gereist bin, ganz viel von der Freiheit hattte. Nach dem Abitur mit meiner Freundin Astrid einen VW Bus gekauft, angesprüht, Bett und Boxen rein, Vorhänge genäht und morgens nach dem Omen ab Richtung Atlantikküste. 6 Wochen volle Freiheit, Unabhängigkeit. Jede Nacht unterm Sternenhimmel schlafen. Unbezahlbar. Unwiederbringlich. 

Viele Reisen habe ich gemacht, lange Reisen, 3 Monate gerne.
Dieses Gefühl, die grenzenlose Freiheit und das empfundene Glück ist für mich eins der wunderbarsten Geschenke überhaupt und ich hoffe mein kleiner Sohn wird eines Tages ebenfalls den Wunsch verspüren sich die Welt anzuschauen. Unseren tollen Planeten bestaunen und diese unbändige Freiheit empfinden können. 

Ich würde so gerne noch so vieles sehen: Japan, Neuseeland, Hurtigrouten, die Nordlichter, Englands Süden, Polynesien. Ich würde so gerne auf einem Boot hüpfen, meine Tauchsachen anziehen und mich ins tiefe Blau sinken lassen. Mich auf den Meeresgrund setzen und die Anemone und ihre Bewohner die Clownfische beobachten.

Die glitzernde Unterwasserwelt still bestaunen. Auftauchen und beseelt sein von diesem Abenteuer. Ich vermisse das. 

Heute ist alles mühsam. Mit dem Rollstuhl auf ein Boot ist schon in den meisten Fällen einfach nicht machbar.

Ich hasse diese Krankheit und ja ich bin wütend und stinksauer, warum ich? 

Alles macht sie kaputt, nicht nur mich.
Auch das Leben der Menschen wird zerstört, wenn mich die Krankheit ganz rüber ziehen wird. 

Meine große Liebe habe ich zu spät gefunden und dann das. Unser Glück wurde einfach ramponiert. Volle Breitseite. Wirtschaftlicher Totalschaden. Ich bin das Wrack. Und mein Mann muss jetzt dieses ehemals schöne Modell, diese lustige unabhängige Frau, voller Lebenslust und Temperament im Rollstuhl durch die Gegend karren, ihr die Schuhe ausziehen, sie pflegen und immer mehr zusehen wie sich die Türen schließen.

Ich bin schon so weit weg von dem, was ich mal war.

Ich weiß nicht wie ich mit dem Locked-in Syndrom umgeben soll. Studien haben gezeigt, dass die Menschen ihre Lebensqualität mit gut bis sehr gut bewerten. 

Das macht Mut.
Werden Tränen dennoch laufen können?
Wie weit ich gehen werde weiß ich nicht. Aufgeben ist keine Option.
Aber ganz ehrlich: es ist schwer diesen Abschied zu ertragen.

Ich habe die tollste Familie und Freunde.
Aber das ändert nix an der Tatsache, dass sovieles nicht mehr möglich ist und ich mein altes Leben vermisse.

Es sind jetzt schon ein paar Tage vergangen, seitdem ich diese Zeilen notiert habe.
In der Zwischenzeit bin ich schon wieder hingefallen. Zum Glück habe ich aber nur ein paar Blessuren davon getragen. Gerade sitze ich hier und die Infusion läuft in meine Venen. Nächste Woche geht es nach Österreich mit meiner Familie.
Das nächste Abenteuer wartet also schon.

Schließen möchte ich mit einem meiner absoluten Lieblingslieder, natürlich von Burt Bacharach: Alfie

Bildschirmfoto 2018-07-19 um 11.20.31Hier das Video von Burt Bacharach

3 Kommentare zu „Bye Bye Freiheit.

  1. ich kann dich so gut verstehen und möchte dich so trösten. Aber womit? Ich habe bei mir die Erfahrung machen müssen / dürfen, dass es einfach eine Wellenbewegung ist . immer wenn ich denk es geht eigentlich, bricht es wieder. vielleicht. Du bist nicht allein

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