Aktuelle News zum Thema Edavarone bei der ALS

„Seit dem 05. Mai 2017 wurde das Medikament Edaravone unter dem Handelsnamen Radicava in den USA zugelassen. Das Medikament war bereits seit 2015 unter dem Namen Radicut in Japan und Südkorea im Einsatz. Edaravone wurde von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) bisher noch nicht zugelassen. Ein Zulassungsantrag durch den japanischen Hersteller des Medikamentes, Mitsubishi Tanabe liegt bisher nicht vor.

Trotz einer fehlenden Zulassung von Edaravone in Deutschland ist das Medikament grundsätzlich verfügbar, da Radicut über internationale Apotheken aus Japan importiert werden kann. Weiterhin sind die sozialrechtlichen Bedingungen vorhanden, dass gesetzliche und private Krankenversicherungen die Kosten der Behandlung auf Antragsbasis übernehmen können. Trotz des medizinischen Fortschrittes, der mit der Entwicklung von Edaravone verbunden ist, und der grundsätzlichen Verfügbarkeit des Medikamentes, ist Edaravone nicht für jede ALS-Patientin oder jeden ALS-Patienten geeignet. Edaravone ist ein kompliziertes Medikament, deren Einsatz eine individuelle Entscheidung notwendig macht. Die Komplexität des Medikamentes wird durch zwei Faktoren bestimmt: 1) Die aktuelle Studienlage zeigt, dass Edaravone nur bei einer Untergruppe von ALS-Patienten wirkt, die bestimmte klinische Merkmale aufweisen. 2) Die Verabreichung ist derzeit nur in Form intravenöser Infusionen in geeigneten Kliniken, Ambulanzen oder Praxen möglich und damit mit entsprechenden zeitlichen und logistischen Aufwendungen verbunden.

Mit der Entwicklung von Edaravone tritt die ALS-Behandlung in eine neue Phase. Während das bisher zugelassene Riluzol für die Gesamtheit der ALS-Patienten (vorbehaltlich einer guten Verträglichkeit) geeignet war, ist bei der Behandlung mit Edaravone eine gezielte Entscheidungsfindung notwendig. Diese Form der Individualisierung von Behandlungsoptionen ist in der Versorgung anderer schwerwiegender Erkrankung (zum Beispiel in der Behandlung von Krebserkrankungen) schon über lange Zeiträume etabliert. Auch bei onkologischen Erkrankungen erhalten nicht alle Patienten eine einheitliche Therapie, sondern ein individuelles Behandlungskonzept, das sich an der medizinischen Konstellation, der zu erwartenden Wirksamkeit und den persönlichen Behandlungszielen orientiert.

Am 12. Juli 2017 trafen sich Vertreterinnen und Vertreter von führenden ALS-Zentren in Deutschland, um eine Bewertung und Handlungsempfehlung für die Edaravone-Therapie zu erarbeiten. Dabei waren die folgenden ALS-Ambulanzen vertreten: Berlin (Prof. Dr. Thomas Meyer), Bonn (PD Dr. Patrick Weydt), Essen (Dr. Torsten Grehl), Hannover (Prof. Dr. Susanne Petri), Jena (PD Dr. Julian Großkreutz), Mannheim (PD Dr. Joachim Wolf) und Ulm (Prof. Dr. Albert Ludolph). Die Arbeitsgruppe hat die folgende Handlungsempfehlung erstellt, die auf der bisherigen Studienlage und dem aktuellen Erkenntnisstand zu Edaravone beruht.


Edaravone – eine differenzierte Bewertung einer neuen Behandlungsoption bei der ALS

Die ALS ist eine schwere progrediente und fatal verlaufende neurodegenerative Erkrankung. Mit der Zulassung von Riluzol vor mehr als 20 Jahren stand bisher ein krankheitsmodifizierendes Medikament zur Verfügung, das moderate Effekte aufweist. Zusätzlich zum Riluzol besteht ein hoher und dringender medizinischer Bedarf für weitere Behandlungsoptionen bei der ALS.

Im Mai 2017 wurde das Medikament Edaravone zur Behandlung der ALS in den USA zugelassen (Handelsname: Radicava®). Bereits seit 2015 liegt eine Zulassung in Japan und Südkorea vor (Handelsname: Radicut®). Die bisherigen Zulassungen von Edaravone beruhen auf 2 klinischen Studien aus Japan, deren Ergebnisse eine differenzierte Bewertung erfordern.

Nach der bisherigen Studienlage ist Edaravone in der Lage, den Verlauf der ALS zu verlangsamen. Dieser Effekt konnte bisher für eine Untergruppe von ALS-Patienten gezeigt werden, die spezifische klinische Merkmale aufweisen. Für Patienten, bei denen diese Merkmale nicht vorliegen, besteht bisher kein Nachweis für eine Wirksamkeit von Edaravone. Die Betrachtung und Berücksichtigung dieser Studienlage ist für die individuelle Entscheidung einer Edaravone-Behandlung von hoher Bedeutung.

Eine erste klinische Studie von Edaravone bei der ALS (Studie MCI-186-16) zeigte, dass Edaravone in der Gesamtheit von ALS-Patienten nicht wirksam ist. Jedoch konnte in einer Subgruppenanalyse dargestellt werden, dass Edaravone zu einer Krankheitsverlangsamung führen kann, wenn die folgenden klinischen Merkmale vorliegen: Zeichen einer ALS in mindestens 2 Körperregionen nach den internationalen Diagnosekriterien der ALS, Erkrankungsdauer von ≤ 2 Jahren, gute Atemfunktion (Forcierte Vitalkapazität ≥ 80%), geringer bis mittlerer ALS-Schweregrad (mindestens 24 Skalenpunkte des ALS Functional Rating Scale von insgesamt 48 möglichen Skalenpunkten; davon ≥ 2 Skalenpunkte je Subskala) sowie geringe bis mittlere Krankheitsprogression (eine Abnahme von 1 bis 4 Skalenpunkten des ALS Functional Rating Scale im Verlauf von 12 Wochen vor Behandlungsbeginn). Die „ALS Functional Rating Scale“ (ALS-FRSr) ist eine international etablierte Skala zur Erfassung der ALS-Erkrankungsschwere, in der 12 motorische Funktionen (Subskalen) bewertet werden, die typischerweise bei der ALS beeinträchtigt sind.

In einer zweiten klinischen Studie (MCI-186-19) wurden diese genannten Merkmale als Einschlusskriterien zur Studienteilnahme definiert. Diese Studie zeigt in einem Behandlungsverlauf von 24 Wochen eine statistisch-signifikante Verlangsamung der Krankheitsprogression in der Edaravone-Gruppe (n = 68) im Vergleich zur Placebo-Gruppe (n = 66). Die Krankheitsverlangsamung betrug 2,5 Skalenpunkte des ALS-FRSr – in einem Vergleich der Edaravone-Gruppe (ALS-FRSr -5,0) mit der Placebo-Gruppe (ALS-FRSr -7,5). Edaravone bewirkte damit eine Verlangsamung des Funktionsverlustes im Studienzeitraum um etwa 30 % – ermittelt durch die ALS-FRSr-Skala.

Eine therapeutische Wirkung von Edaravone wurde bisher ausschließlich für eine spezielle Untergruppe von ALS-Patienten anhand der ALS-FRSr-Skala nachgewiesen. Ein Effekt auf die Lebenszeit wurde noch nicht untersucht. Weitere klinische Studien sind notwendig, um die Wirksamkeit von Edaravone in der Langzeitbehandlung und in verschiedenen Erkrankungsphasen (z.B. im sehr frühen Krankheitsverlauf) oder anderen Verläufen (z.B. mit einer hohen Progressionsrate) zu untersuchen. Bisher steht Edaravone ausschließlich in einer intravenösen Darreichungsform zur Verfügung, die als Zwischenschritt zur Entwicklung einer oralen Medikation anzusehen ist.

Die Behandlung mit Edaravone erfolgt durch eine intravenöse Infusion in Behandlungszyklen. Ein Behandlungszyklus umfasst 28 Tage. Der Zyklus umfasst 14 Tage, in denen an 10 Tagen Infusionen absolviert werden müssen, sowie 14 Tage einer Behandlungspause. Der erste Behandlungszyklus ist mit Besonderheiten versehen. Hier sind tägliche Infusionen an 14 Tagen vorgesehen. Bei der Erstgabe der Medikation ist eine kontinuierliche Überwachung angezeigt, die in einer tagesklinischen oder stationären Behandlung möglich ist. Durch die kontinuierliche Fortführung der Infusionen ist die Edaravone-Behandlung mit entsprechenden zeitlichen und logistischen Aufwendungen verbunden. Die Wirksamkeit des Medikamentes ist gegenüber den Belastungen, die sich aus den Aufwendungen der Medikamentengabe ergeben, abzuwägen. Die Abwägung erfolgt in Berücksichtigung der individuellen Behandlungsziele und psychosozialen Ressourcen des Patienten. Die Entscheidung zur Behandlung mit Edaravone ist von Fachärzten für Neurologie zu treffen, die sich auf die Behandlung der ALS spezialisiert haben.“

Autoren (alphabetisch):
Dr. Torsten Grehl, Essen
PD Dr. Julian Grosskreutz, Jena
PD Dr. Jan Koch, Göttingen
Prof. Dr. Albert Ludolph, Ulm
Prof. Dr. Thomas Meyer, Berlin (federführend)
Prof. Dr. Susanne Petri, Hannover
PD Dr. Patrick Weydt, Bonn
PD Dr. Joachim Wolf, Mannheim

Studie mit dem Medikament Fasudil.

Die neurologische Klinik der Universität Göttingen plant im Verbund mit mehreren ALS-Zentren in Deutschland eine klinische Studie („ROCK-ALS“) mit dem Medikament Fasudil.

Bei diesem Medikament handelt es sich um einen Hemmstoff (Inhibitor) der Rho-Kinase (genannt: ROCK). Das Molekül ROCK nimmt eine komplexe Rolle im Aufbau (Zytoskelett) unterschiedlicher Zellgruppen ein. Dabei wird eine Fehlregulation von ROCK bei der Degeneration motorischer Nervenzellen angenommen. In verschiedenen experimentellen Systemen (die an der Universität Göttingen sowie anderen internationalen Forschungseinrichtungen untersucht wurden) konnte gezeigt werden, dass die Hemmung der ROCK-Aktivität zu einer Verlangsamung des Nervenzelluntergangs geführt hat. Fasudil ist ein Medikament, das über die pharmakologischen Eigenschaften einer ROCK-Hemmung verfügt (Rock-Inhibitor). Fasudil ist zur Behandlung der Hirnschädigung nach Schlaganfall in Japan und anderen asiatischen Ländern zugelassen. In Europa liegt bisher noch keine Zulassung vor. Aufgrund der positiven Eigenschaften einer ROCK-Hemmung durch Fasudil in experimentellen Systemen der ALS entstand das Studienvorhaben, Fasudil hinsichtlich der Verträglichkeit und erste Anzeichen einer Wirksamkeit (Phase 2-Studie) bei Menschen mit ALS zu untersuchen.

Das Studienkonzept wurde von den Neurologen Prof. Dr. Paul Lingor, PD Dr. Jan-Christoph Koch und anderen Forschern der neurologischen Klinik der Universität Göttingen entwickelt. Das Forscherteam hat zur Finanzierung der klinischen Studie durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (über ein EU-Forschungsprogramm) beantragt und eingeworben. Die BMBF-Förderung umfasst das Medikament Fasudil, die Placebo-Herstellung, das Studien-Monitoring sowie anteilige Personalkosten für Ärzte und Studienkoordinatoren, die an den teilnehmenden ALS-Zentren tätig werden.

Die Studie befindet sich derzeit in der Vorbereitungsphase. Ein Start von ROCK-ALS ist für Januar 2018 vorgesehen. Ein erstes Studientreffen der teilnehmenden ALS-Zentren findet am 14. Juni 2017 in Göttingen statt.

Die Studiendurchführung (ab 1-2018) ist aus Perspektive der ALS-Patienten und der Studienzentren recht aufwendig. Fasudil wird als Kurzinfusion (intravenös) zweimal täglich (morgens und abends) über ca. 4 Wochen infundiert. Die Infusion durch einen lokalen Hausarzt ist aufgrund des Studiencharakters nicht möglich. Die Infusion muss innerhalb des Studienzentrums erfolgen. Die ALS-Ambulanzen und Kliniken, die als Studienzentren für ROCK-ALS teilnehmen, werden noch bekanntgegeben.

Quelle: http://www.als-charite.de

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Ein Lichtblick: Edaravone (Radicava) in den USA von der FDA zugelassen

Prof. Meyer aus der Charité hat gerade folgendes veröffentlicht:

„Vor wenigen Stunden hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (Food and Drug Administration, FDA) das Medikament Edaravone (Radicava) zur Behandlung der ALS zugelassen. Das ist eine wichtige und sehr positive Nachricht. Damit entsteht – 20 Jahre nach Zulassung von Riluzol – eine zweite pharmakologische Behandlungsoption bei der ALS. Mit der FDA-Zulassung wurden wichtige Informationen über die klinische Wirksamkeit von Radicava im Zulassungstext ausgewiesen: in einem Untersuchungszeitraum von 24 Wochen konnte gezeigt werden, dass Patienten mit einer Placebobehandlung eine Symptomzunahme von 7,5 Punkten (von insgesamt 48 Punkten auf der ALS-Schweregrad-Skala, ALS-FRSr) erfahren haben, während Patienten mit Radicava-Behandlung eine mittlere Symptomzunahme von 5,01 Skalapunkten zeigten. Dieser Unterschied ist klinisch relevant und statistisch signifikant. Eine Zulassung des Medikamentes in Deutschland ist damit geboten. Bisher liegen jedoch noch keine gesicherten Informationen vor, wann der Hersteller des Medikamentes, Mitsubishi Tanabe Corporation, einen Zulassungsantrag bei der Europäischen Arzneimittelbehörde stellen wird. Weiterhin sind noch verschiedene medizinische und organisatorische Fragen bei der Anwendung zu klären. Radicava wird intravenös angewendet. Es wird (nach einer besonderen Dosierung zu Beginn der Behandlung) an 10 variablen Tagen in einem Zeitraum von 14 Tagen infundiert, gefolgt von einer Medikamentenpause von 14 Tagen. Die bestehende Riluzol-Basismedikation wird weitergeführt.“

Noch mehr Informationen gibt es hier: https://www.drugs.com oder auch hier: https://www.forbes.com

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Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Positive Studienergebnisse.

shutterstock_212179786-1000x480Masitinib: Pressemitteilung zu positiven Studienergebnissen bei der ALS

Am 20. März 2017 hat das französische Arzneimittelunternehmen AB Science mit Sitz in Paris eine Pressemitteilung herausgegeben, in der positive Studienergebnisse von Masitinib bei der ALS bekannt gegeben werden.

Die Pressemitteilung bezieht sich auf die Studie AB 10015, an der 394 ALS-Patienten (überwiegend in spanischen Studienzentren) teilgenommen haben. Dabei wurden drei Patientengruppen verglichen, die über 48 Wochen die folgende Behandlung erhielten: Masitinib (4,5 mg/kg/Tag) plus Riluzol oder Masitinib (3 mg/kg/Tag) plus Riluzol oder Placebo plus Riluzol. Das hauptsächliche Kriterium zur Bewertung der Behandlungswirksamkeit („Studienendpunkt“) war eine Krankheitsverlangsamung anhand der ALS-Funktionsskala (ALS-FRSR).

In der Pressemitteilung konnte AB Science mitteilen, dass beide Masitinib-Behandlungsgruppen eine statistisch-signifikante Verzögerung der Krankheitsprogression im Vergleich zur Placebo-Behandlung erbracht haben. Die höhere Dosis von Masitinib (4,5 mg/kg/Tag) war wirksamer als die geringere Dosis (3 mg/kg/Tag).

Masitinib ist ein Medikament in der Gruppe der Protein-Kinase-Inhibitoren (PKI), das bisher als Tierarzneimittel bei einer sehr spezifischen Tumorform bei Hunden (Mastzelltumoren) zugelassen ist. In der Humanmedizin befindet sich Masitinib in der klinischen Prüfung bei verschiedenen Tumorerkrankungen (Pankreas-Karzinom, multiples Myolom, malignes Melanom). Die klinische Prüfung bei der ALS erfolgte mit der Hypothese, dass mit diesem Medikament eine Hemmung von Mikrogliazellen bei der ALS erreicht werden kann. Mikrogliazellen sind Immunzellen im Gehirn und Rückenmark, die möglicherweise eine Bedeutung im ALS-Krankheitsmechanismus aufweisen.

Die Mitteilung von AB Science ist eine sehr positive Nachricht auf dem Weg zur Entwicklung neuer Behandlungsoptionen bei der ALS. Mit dem positiven Studienergebnis ist davon auszugehen, dass AB Science die geplante Nachfolgestudie mit Masitinib bei der ALS in der 2. Jahreshälfte 2017 starten wird (Studie AB 14008).

Es gilt als weniger wahrscheinlich, dass AB Science für das Medikament im Rahmen des gesetzlich möglichen Härtefall-Programms (Compasionat Use Programm) zum Einsatz bringen wird. Bei einer Bereitstellung eines Medikamentes im Härtefall-Programm wird die weitere Durchführung Placebo-kontrollierter Studien deutlich erschwert, da die Bereitschaft von Betroffenen, an einer Placebo-kontrollierten Studie teilzunehmen, abnimmt, wenn parallel die Prüfsubstanz verfügbar ist.

Trotz der positiven Studienergebnisse der ersten Studie (Studie AB 10015) bestehen noch weiterhin offene Fragen und Unsicherheiten, die in einer Nachfolgestudie geklärt werden sollen. Die Hauptlimitation der abgeschlossenen Studie liegt in der begrenzten Durchführung in wenigen (vor allem spanischen) Studienzentren. Eine klinische Studie gilt als dann für eine Zulassung geeignet, wenn sie Patientengruppen einschließt, die in der Geschlechter- und Alterverteilung den ALS-Schweregrad, der Verteilung von ALS-Verlaufsformen repräsentativ sind und deren Ergebnisse sich in verschiedenen Studienzentren reproduzieren lassen.

Aufgrund der Beschränkung der Studie AB 10015 auf wenige Studienzentren ist anzunehmen, dass die Nachfolgestudie (AB 14008) trotz der positiven Studienergebnisse noch durchgeführt werden muss. Die abschließende Entscheidung wird in einer Abstimmung zwischen AB Science sowie der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) sowie der Bundesbehörde (BFARM) entstehen. An der Charite (sowie anderen ALS-Zentren in Deutschland) werden die Vorbereitungen auf die Nachfolgestudie AB 14008 getroffen.

Zur englischsprachigen Pressemitteilung von AB Science:
http://www.ab-science.com/…/1489992646_ALSFinalResultsENVF.…

ALS-Methoden-Studie gestartet

Im Januar 2017 ist eine klinische Studie mit dem Titel „ALS-Methoden-Studie“ an der Charité gestartet. An der Studie nehmen 3 weitere ALS-Zentren in Deutschland (Hannover, Jena, Ulm) sowie ALS-Studienzentren in ausgewählten europäischen Ländern und den USA teil. Sponsor des Projektes ist das amerikanische Unternehmen Biogen Idec Inc., das ein forschendes Arzneimittelunternehmen mit besonderen Schwerpunkten bei der Multiplen Sklerose (MS) und anderen neurologischen Erkrankungen verkörpert.
Aktuell hat Biogen ein innovatives Medikament bei der kindlichen Form der spinalen Muskelatrophie (SMA) entwickelt (Handelsname: Spinraza). Die SMA ist ebenfalls eine Motoneuronenerkrankung, die sich jedoch so weit von der SMA unterscheidet, dass ein Einsatz von Spinraza bei der ALS nicht sinnvoll ist. Bei der ALS hat Biogen bereits in der Vergangenheit klinische Studien durchgeführt („Empower“-Studie), die auch an der Charité und anderen deutschen ALS-Zentren realisiert wurden. Trotz des negativen Ergebnisses der Empower-Studie hat das Unternehmen die Absicht signalisiert (nach der MS und der SMA), die Entwicklung eines ALS-Medikamentes zu einem wesentlichen Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt zu machen. Die „ALS-Methoden-Studie“ (ALS-MethoS) ist ein Ausdruck dieser Forschungsaktivität.
Bei ALS-MethoS wird kein neues Medikament getestet. Das Ziel der Methoden-Studie besteht in der Identifizierung und Entwicklung von klinischen, elektrophysiologischen, biochemischen oder kernspintomographischen Biomarkern der ALS. Biomarker dienen der frühzeitigen und objektiven Messung des Krankheitsverlaufes und möglicher therapeutischer Effekte von gegenwärtigen und zukünftigen Medikamenten. In gegenwärtigen klinischen Studien ist die Ermittlung der motorischen Fähigkeiten, die Messung der Atemkapazität, des Gewichtes und anderer Funktionsparameter sowie das Überleben der behandelten ALS-Patienten das Wirksamkeitskriterium neuer Medikamente. Diese Parameter werden auch in der Zukunft für die Zulassung neuer Medikamente von entscheidender Bedeutung sein. Die Studie „ALS-MethoS“ dient der Ermittlung von Biomarkern, die ein Ansprechen der Medikamente frühzeitig anzeigen, noch bevor die Auswirkungen auf Ebene der Muskelkraft erkennbar sind. Mit der Entwicklung von Biomarkern könnte die Durchführungszeit klinischer Studien verkürzt und die Anzahl der notwendigen Studienteilnehmer an klinischen Prüfungen reduziert werden.
Studienteilnehmer der „ALS-MethoS“ werden wiederholte Laboruntersuchungen erhalten, deren Ergebnisse in eine Biobank eingebracht und zusammen mit den Proben aller anderen Studienteilnehmer systematisch untersucht werden. Ein weiterer Schwerpunkt sind elektrophysiologische Untersuchungen. Dabei wird die Ausdehnung und ALS-bedingte Verkleinerung in motorischen Einheiten in der Muskulatur untersucht und objektiviert. Bei der ALS kommt es aufgrund der Nervenzelldegeneration zu einer verminderten Anzahl von Muskelzellen, die durch eine motorische Nervenzelle gesteuert werden können. Die Verkleinerung der motorischen Einheiten wird objektivierbar dargestellt und im Rahmen der ALS-MethoS etabliert (MUNE, MUNIX-Methode). An ausgewählten ALS-Zentren werden kernspintomographische Untersuchungen durchgeführt, um bildgebende Parameter im Gehirn und Rückenmark mit dem Krankheitsverlauf zu korrelieren. Insgesamt stehen laborchemische, klinische und elektrophysiologische Parameter im Vordergrund, die als Biomarker entwickelt werden sollen.
Patienten mit ALS werden eingeladen, an ALS-MethoS teilzunehmen. Die Teilnahme ist unter den folgenden Voraussetzungen möglich:
Diagnose einer ALS
Maximale Krankheitsdauer von 36 Monaten (Zeitraum vom Beginn erster Lähmungserscheinungen bis zum Monat des Studienbeginns)
Vitalkapazität von mindestens 50 %
Kein Nikotingebrauch (nur Nichtraucher)
Die Teilnahme an ALS-MethoS ist mit insgesamt 7 Ambulanzvisiten und 3 Telefonvisiten zu den folgenden Zeitpunkten verbunden

Für Rückfragen und ein Interesse an der Studie steht Ihnen die Studienkoordinatorin Birgit Koch per Telefon (+49 (0)30 450 560028) oder per E-Mail (birgit.koch@charite.de) zur Verfügung.

Wissenschaftliche Veröffentlichung zur Beendigung von Beatmungstherapie

Die Versorgung mit einer Atemhilfe ist eine etablierte Behandlungsform bei der ALS. Bei Patienten mit einer ALS-bedingten Atemschwäche ist die Anpassung einer Atemmaske eine Option, um die Symptome der Atemanstrengung zu reduzieren (nicht-invasive Beatmungstherapie, NIBT). Die Atemhilfe mittels NIBT erfolgt zumeist mit dem Anlegen einer Atemmaske während der nächtlichen Nachtruhe, so dass die behandelten Patienten mit einer Atemmaske schlafen (Anwendung von etwa 8 Std/24h). Bei einer fortschreitenden Atemschwäche kann die Anwendung der NIBT nicht nur während der Nachtstunden, sondern auch während des Tages erfolgen. Bei einzelnen Patienten ist (in Abhängigkeit der individuellen Notwendigkeiten) eine Steigerung der Beatmungszeit bis zu 24 Stunden sinnvoll.

In bestimmten Behandlungssituationen ist die Anwendung einer Atmungsmaske (NIBT) methodisch nicht möglich (z. B. bei Bulbärsyndrom) oder (bei einer fortschreitenden Atemschwäche) nicht mehr ausreichend. In diesem Fall kann die Durchführung eines Luftröhrenschnittes (Tracheotomie) und „künstliche Beatmung“ durch ein Beatmungsgerät (invasive Beatmungstherapie; IBT) sinnvoll sein.

Beide Beatmungsformen (NIBT und IBT) können in bestimmten Situationen neben dem zu erwartenden Nutzen auch Belastungen hervorrufen. Im Fall schwerwiegender Belastungen oder Einschränkungen der Lebensqualität durch die Beatmungstherapie kann auch die Beendigung der NIBT oder IBT eine Entlastung darstellen. Ein weiterer Grund für eine Beendigung der Beatmungstherapie kann entstehen, wenn Patienten lebensverlängernde Maßnahmen für sich persönlich ablehnen.

Die NIBT und IBT werden als lebensverlängernde Maßnahmen durch Medizintechnik eingeordnet, die grundsätzlich nur durch Einverständnis des Patienten durchgeführt werden dürfen. Mit dieser Einwilligungsnotwendigkeit ist verbunden, dass Patienten jederzeit das Recht haben (bei fehlendem Lebenswillen oder zu starken Belastungen durch die Beatmungstherapie), die laufende NIBT oder IBT zu beenden.

Die abrupte Beendigung von Maskenbeatmung oder invasiver Beatmung kann mit erheblichen Belastungen (Atemnot) verbunden sein. Diese Belastungen können durch palliativmedizinische Medikamente weitgehend verhindert werden. Bisher lagen (auch im internationalen Maßstab) geringe systematische Informationen über die optimale Medikamentenbehandlung beim Abbruch von IBT und NIBT vor.

Durch eine systematische Analyse der Pharmakotherapie bei 49 ALS-Patienten, die eine Palliativversorgung zur Beendigung von NIBT und IBT an der Charité erfahren haben, konnte erstmalig ein Behandlungsstandard für diese Form der Palliativversorgung geschaffen werden. Dabei wurden die Behandlungsdaten von ALS-Patienten in einem Zeitraum von 13 Jahren zusammengefasst. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Zeitschrift „Amyotrophic Lateral Sclerosis and Frontotemporal Degeneration“ publiziert, welche die führende Fachzeitschrift zur ALS darstellt.

Die Publikation trägt den Titel „Clinical characteristics and course of dying in patients with amyotrophic lateral sclerosis withdrawing from long-term ventilation“ und ist über den folgenden Link der Öffentlichkeit zugänglich: http://www.tandfonline.com/…/…/10.1080/21678421.2016.1214734

Diese Studie wurde durch eine Unterstützung folgender Förderer ermöglicht: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), ALS-Initiative „Hilfe für ALS-kranke Menschen“, Angelika v. Hagen-Fonds für Palliativmedizin bei der ALS sowie Knut-Martins-Fonds für ALS-Therapieforschung an der Charite.

Die Neurologin Dagmar Kettemann hat gemeinsam mit Thomas Meyer und andern Autoren die wissenschaftliche Analyse durchgeführt und die Publikation verfasst.

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Mecobalamin bei der ALS – Zulassung in Japan beantragt

Thomas Meyer von der ALS Ambulanz der Charity hat folgenden Artikel herausgegeben:

„Das Arzneimittelunternehmen Eisai mit Sitz in Tokio hat die Zulassung des Arzneimittels Mecobalamin bei den japanischen Zulassungsbehörden für Arzneimittel beantragt. Der Zulassungsantrag ist nicht gleichzusetzen mit einer Genehmigung und Verfügbarkeit des Medikaments in Japan. Die Entscheidung über eine tatsächliche Zulassung steht noch aus. Mecobalamin ist eine ultra-hoch dosierte Form von Cobalamin, das als Vitamin B12 bezeichnet wird. Cobalamin ist bereits bei bestimmten Formen der Polyneuropathie zur Behandlung zugelassen (vor allem bei einer Polyneuropathie, die mit einem Vitamin B12-Mangel assoziiert ist). Die Dosisstärke beträgt in den bisherigen Zulassungen 0,5 mg (500 µg), die in Form einer intramuskulären Injektion oder als Tablette zur Verfügung steht.

Bei der ALS wurde bereits im Jahr 2004 eine Hochdosisstudie mit Mecobalamin mit 25 bzw. 50 mg Mecobalamin durchgeführt (Eisai-Studie 761). Es handelt sich um eine Wirksamkeitsstudie, die die Anforderungen der evidenz-basierten Medizin erfüllt. Die klinische Prüfung wurde als Placebo-kontrollierte und doppelblinde Studie realisiert. 370 Patienten wurde in drei Behandlungsgruppen untersucht: 50 mg Mecobalamin (124 Patienten), 50 mg Mecobalamin (123 Patienten) oder Placebo (123 Patienten). Der Behandlungszeitraum war sehr lang und betrug 181 Wochen. Studienendpunkt war die Verlangsamung der Erkrankung anhand des ALS-Schweregrades (gemäß ALS Funktionsskala: ALS-FRS-R). Der Vergleich zwischen den Behandlungsgruppen mit der Placebogruppe erbrachte keinen statistisch-signifikanten Unterschied im Krankheitsverlauf. Eine detaillierte Auswertung der Daten konnte jedoch zeigen, dass Patienten mit einer Frühbehandlung mit Mecobalamin einen günstigeren Krankheitsverlauf als Patienten der Placebo-Gruppe aufwiesen. Die Frühbehandlung ist mit einem Behandlungsbeginn innerhalb von zwölf Monaten nach Auftreten erster ALS-Symptome definiert. Bei Patienten, die eine Frühbehandlung mit 50 mg Mecobalamin erhalten haben, zeigte sich ein Verlust von 22 ALS-FRS-R-Punkten. Die Placebo-Gruppe erlitt einen Verlust von 26 Punkten im Studienzeitraum. Damit ergab sich ein Unterschied im ALS-Schweregrad zwischen der Behandlungs- und Placebogruppe von 4 Punkten (von insgesamt 48 Punkten; 8,3 %). Zusammenfassend demonstriert die Studie 761, dass eine Frühbehandlung (beginn der Behandlung innerhalb der ersten zwölf Monate nach Symptombeginn) und eine langfristige Therapie (mehr als drei Jahre) in einer ultra-hohen Dosierung (intramuskuläre Injektionen von 50 mg zweimal pro Woche) zu einer Krankheitsverlangsamung um etwa 8 % führt.

Die Ergebnisse der Eisai-Studie 761 liegen offensichtlich schon seit geraumer Zeit vor. Es ist nicht bekannt, warum der Zulassungsantrag mit zeitlicher Latenz gestellt wird. Möglicherweise wurde die Subgruppenanalyse erst verzögert durchgeführt. ´Der Wirkmechanismus vom Mecobalamin bei der ALS ist unbekannt. Die Substanz wirkt als Vitamin B12 als modifizierender Faktor für zahlreiche Enzyme. Bisher ist unklar, welche Enzyme oder andere Proteine durch Mecobalamin bei der ALS positiv beeinflusst werden, die zu einer (geringen) Krankheitsverlangsamung führen. Die Entscheidung der japanischen Zulassungsbehörde ist von großem Interesse, da im Bewertungsprozess sämtliche Studiendaten ausgewertet werden, die der sonstigen wissenschaftlichen Öffentlichkeit nicht zur Verfügung stehen. Bei einer positiven Bewertung kommt grundsätzlich ein Einsatz des Medikaments auch in Deutschland in Frage.“

http://www.eisai.com/news/news201535.html

Hannoveraner Wissenschaftler publizieren erste Ergebnisse der Stammzellen-Studie

Seit einigen Jahren können Hautzellen zu Stammzellen und dann zu Motoneuronzellen umgezüchtet werden. Für die Forschung ist das ein sehr nützliches Werkzeug, weil damit bestimmte Mechanismen einer Krankheit im Reagenzglas studiert werden können. Eine Gruppe um Prof. Susanne Petri an der MH Hannover nutzt dies für die ALS-Forschung – ein Projekt, dass auch von der Initiative Stop ALS mit zwei Förderpaketen in Höhe von insgesamt € 30.000 unterstützt wurde. Erste Ergebnisse dieser Arbeit wurden jetzt in der US-amerikanischen Fachzeitschrift „StemCell“ publiziert. Im Zentrum der Untersuchung steht die Substanz 4-Aminopyridine, die in den USA als Medikament gegen MS zugelassen ist. Die Wissenschaftler um Hauptautor Max Naujocks konnten einen positiven Effekt der Substanz gegen bestimmte Mechanismen der ALS in den Zellkulturen nachweisen. Im nächsten Schritt soll nun überprüft werden, ob dieser Effekt auch im Tierversuch beobachtet werden kann. Dies wäre die Voraussetzung für eine Erprobung des Medikaments an ALS-Patienten im Rahmen einer klinischen Studie. 

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Masitinib-Studie: positive Zwischenergebnisse

Das französische Pharmaunternehmen AB Science hat in einer Pressemitteilung Zwischenergebnisse der laufenden Phase 2/3 Studie des Medikaments Masitinib gegen ALS bekanntgegeben. Danach haben 191 Patienten die 48 Wochen dauernde Behandlungsphase abgeschlossen. Die Analyse der vorliegenden Daten habe ergeben, dass der Krankheitsverlauf bei den mit dem Medikament behandelten Patienten im Vergleich zur Placebogruppe statistisch signifikant verringert habe. Sollte sich dieser Trend bestätigen, wäre dies die erste erfolgreiche ALS – Medikamentenstudie seit der Rilutek – Zulassung in den 90er Jahren. Unabhängige Experten warnen allerdings vor voreiligen Schlussfolgerungen. Das Unternehmen hat angekündigt, Gespräche mit den Zulassungsbehörden in den USA und in Europa zu führen.

Mehr Informationen: http://www.als.net/news/masitinib-als-clinical-trial-interim-report-positive/