Formfehler im Land der Bürokratie.

Im großen und ganzen bin ich froh in Deutschland zu leben (auch wenn mir hier das Meer fehlt). Das Gesundheitssystem ist prima und als kranker Mensch werde ich größtenteils von meiner Kasse und den Versorgern gut behandelt.
Nur die Bürokratie treibt mich manchmal um.

Seit geraumer Zeit wurden viele meiner Verordnungen von der Kasse nicht mehr genehmigt. Enttäuscht war ich, als das Deckenlift-System, der Sprachassistent gleich zweimal und nun auch noch das Anti-Dekubitus-Kissen für den Rollstuhl abgelehnt wurde. Mir fehlte die Kraft jedes Mal das Fass des Widerspruchs zu öffnen. Der parallel laufende Antrag für das persönliche Budget ist schon ein dermaßen großer bürokratischer Kraftakt, dass ich damit voll ausgelastet war.

Meine Hausärztin (mann bin ich froh, dass ich sie habe) war die Tage so geschockt, dass sie selber bei der Kasse angerufen hat, um der Sache auf den Grund zu gehen. Dort erfuhr sie Tataa dass es nicht an der Kasse liegt, sondern Rezepte falsch ausgestellt wurden und dass das Sanitätshaus auf Rückfragen einfach nie reagiert hat.
Deswegen wurden dann die Dinge abgelehnt.
Rezepte wurden falsch ausgefüllt? Formfehler sozusagen…

Und so verstreicht die Zeit. Schnarch.
Das Treffen mit dem Sanitätshaus bezüglich Deckenlift und Kissen war übrigens Mitte Februar. Jetzt haben wir? Richtig…Mitte Juni. Das ist für Menschen wie mich mit einer fortschreitenden Krankheit wie ALS ein sehr langer Zeitraum. Und ehrlich gesagt bin ich heute noch immer fassungslos, dass im Jahr 2020 solche Dinge passieren. Aber hey, was wundere ich mich, an der Schule meines Sohnes gibt es Lehrer ohne Computer und WLAN gibt’s auch nur im Computerraum. Kein Scherz.

Aber nun zurück zum Antrag des persönlichen Budgets.
Denn ICH lasse mich nicht abschrecken und habe mittlerweile alle Unterlagen an die dritte Anlaufstelle geschickt (von Kontoauszügen der letzten drei Monate, bis über alle Versicherungen, Heizkostenabrechnung, Privat-Vermögen und Gutachten aller Art, Kaufverträge und Kfz-Scheine … Insgesamt eine Liste mit 20 Punkten habe ich vorgelegt.
Hose runter sozusagen. Und nein, ich habe keinen Bestattungsvorsorge-Vertrag (dritte Frage). Eingereicht habe ich den ersten Antrag bei der Kasse Ende März. Dann kam ein sehr langer Bogen zum Ausfüllen plus eine Liste mit Dingen (s.o.), die ich vorlegen sollte. Und zwar dem Lageso. Dann bekomme ich Post vom Bezirksamt und muss erneut einen sehr langen Antragsbogen ausfüllen und eine noch längere Liste vorlegen. Sehr viel Zeit, sehr viele Formulare und alles analog.
Gut 2020 eben. Was erwarte ich denn, immerhin haben sie WLAN.

Da ich aber immer wieder gefragt werde, was das denn das „Persönliche Budget“ überhaupt ist, versuche ich es hier mal zu erklären.

Das Persönliche Budget ist eine Initiative vom BMAS und bedeutet, dass Menschen mit Handicap, also ich, anstelle von Dienst- oder Sachleistungen zur Teilhabe ein Budget wählen. Dieses Budget bekomme ich gestellt. Je nach Bedürfnislage beantragt man stundenweise Unterstützung.

Mit diesem Geld kann ich zum Beispiel die Hilfe von Assistentinnen und Assistenten bezahlen. Das bedeutet mehr Unabhängigkeit und mehr Selbstbestimmung. Mit dem Persönlichen Budget kann ich selbst entscheiden, wann, wo und wie ich Leistung in Anspruch nehme. Sprich ich werde selber zum Arbeitgeber und stelle Pfleger oder Assistenten selbst an und bezahle diese.

Das bedeutet aber auch mehr Planung und Organisation.
Zum Beispiel muss ich selbst nach Assistenten suchen, diese einstellen und einen Arbeitsplan festlegen. Falls Ihr zufällig jemanden kennt, der dafür in Frage käme, freue ich mich über Vermittlung. Ich kann das Geld für unterschiedliche Hilfen verwenden. Zum Beispiel für Unterstützung: im Haushalt, bei der Pflege, bei Behördengängen, bei Arztbesuchen, bei der Arbeit, für Fahrdienste, bei Kino- und Theaterbesuchen.
You name it. Natürlich muss ich nachweisen, wofür ich das Geld verwende. Ist klar.

Hoffe ich konnte etwas Licht ins Dunkle bringen.

Morgen geht’s mit Sack und Pack ins Allgäu, eine lange Fahrt liegt vor uns und ehrlich gesagt wünschte ich mir mal wieder meinen Freund Scotty herbei.

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Foto von pearpicker

Scotty und ich.

Dieses Jahr geht es leider immer schlechter und die Schnelligkeit mit der die Muskeln gerade ihren Geist aufgeben finde ich beunruhigend.
Lange Zeit ging es nur mäßig voran, aber gerade nimmt die Krankheit an Fahrt auf, so dass mir etwas schwindelig wird bei dem Tempo. Aber warum sollte es mir anders ergehen als der Welt? Die Entwicklung nimmt auch immer mehr Schwung auf im Laufe der Jahrtausende: Gehen, segeln, reiten, fahren, fliegen, das ist der Vektor der Bewegung.
Als nächstes kommt das Beamen. Das wird geil.

Bis dahin. Mein Staus Quo:
Sprache sehr verwaschen und mühsam. Essen und Trinken auch mühsam.
Die Arme kriege ich nur schlecht hoch und von einem auf den anderen Tag kann ich mich nicht mehr am Kopf kratzen. (Funfact: Zum Glück haben wir gerade keine Läuse). Mein rechtes Bein hat zunehmend an Stabilität verloren, daher bin ich so unsicher beim Stehen und Laufen, dass es zu gefährlich geworden ist dies zu tun. Das stellt uns vor diverse Herausforderungen. (Üblicherweise bin ich morgens zum Beispiel aufgestanden und ein paar Schritte mit dem Rollator gelaufen und dann wurde der E-Rollstuhl hinter mich gefahren und ich konnte mich hinsetzen. Nun schaffe ich das aber nicht mehr.
Wie komme ich also von A nach B?
Scotty?

Meine Bitte an das Sanitätshaus mich zu beraten endet in einem Verkaufsgespräch in Sachen Deckenlifter und Traversen-System. Mittelfristig bestimmt die richtige Lösung. Aber was machen wir bis dahin? Wie machen das andere?
Immer wieder bin ich baff, dass man sich alles alleine erschließen muss. Keine Hilfe. Keine Beratung. Sogar mein Pflegedienst zuckt mit den Schultern.

Was ist also die Lösung?
Mein geliebter Mann hebt mich um. Das funktioniert erstaunlich gut. Hier machen die verlorenen Kilos jetzt zum Glück etwas Sinn.

Aber nun von A nach C (Toilette)?
In diesem Fall muss ja noch das Beinkleid abgestreift werden. Das funktioniert ja so nicht. Stimmt. Hm.
Scotty? Hallo?

Also dann so: Rolli hochfahren, in den Stand kommen und nicht umfallen, Hose runter, immer noch nicht umfallen, Rolli wieder runterfahren (wieso dauert das so lange?) wieder hinsetzen. Dann Rollstuhl neben Lokus positionieren und mich meinem Mann anvertrauen und ihn sich den Bruch heben lassen. Dann …
Und zurück das Gleiche. Hallelujah. Von wegen ich mach mal schnell Pipi.

Nun wollen wir mal ein Rutschbrett ausprobieren, damit könnte ich vielleicht von A nach B rutschen. Zumindest das. Nach C auch nicht. Aber hey der Mann wäre entlastet.

Dafür haben wir jetzt schon ein großes Gleittuch. Ein G L E I T T U C H.
So ein schönes Wort. Damit ist es deutlich einfacher mich an die richtige Position im Bett zu schieben. Da ich mich eigenständig nicht mehr drehen kann, brauche ich die eine, die superduper Position, in der ich im Idealfall 8 Stunden rührungslos (wenn nur die Zappelbeine nicht wären) liegen kann.

Scotty?
Er hört mich einfach nicht.

Und nun zum Schluß. Dramaturgisch gut aufgebaut:
Mein Besuch in der Atemambulanz in der vergangenen Woche. Tadaa.
Der Besuch war leider wie erwartet.
Eine Maskenbeatmung wird empfohlen, auch wenn die Blutgaswerte noch in Ordnung sind, ist die Lunge geschrumpft und die Atempumpe wird schwächer.
Und eine PEG, also eine Magensonde wird auch fällig.

Uff.
Mitte/Ende März muss ich also für 10-14 Tage ins Krankenhaus.
Freude sieht anders aus.

Scotty?

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Bilanz am Ende des Jahres.

Es ist schon längst an der Zeit zu schreiben. Viele von Euch haben mich angesprochen, ob ich das Schreiben eingestellt habe. Nein, habe ich nicht. So will ich traditionell am Ende des Jahres meine Bilanz ziehen.

Hinter mir liegt ein im Großen und Ganzen ein schönes Jahr.
Ich war standesgemäß mit meinen Freundinnen in der grünen Uckermark und das gleich zweimal, im Frühjahr mit Freunden in Südfrankreich, im Sommer mit Kind und den anderen Freundinnen am ruhigen Elbdeich, mit Mann und Familie auf dem Darss und zum guten Schluss mit Mann, Kind, Schwester und meinen Eltern eine Woche auf Mallorca. Vielen Dank an Euch Alle, ohne Eure Hilfe wären diese Reisen nicht möglich gewesen.

Mein kleines Business ist stetig gewachsen und ich kann auf ein sehr erfolgreiches Jahr meines Labels MrsJewel schauen. Darauf bin ich stolz.

Salman Rushdie hat mich mit seinen Werk in diesem Jahr nachhaltig beeindruckt, wer die Satanischen Verse noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt nachholen. Überhaupt sind seine Romane sehr zu empfehlen.

Ansonsten bin ich in diesem Jahr noch um die Beatmung herum gekommen, im Frühjahr hatte ich bereits damit gerechnet, aber meine Werte waren stabil, so dass ich bis heute nicht auf die Atempumpe angewiesen bin.

Dem neuen Jahr stehe ich ehrlich gesagt mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber.
Momentan habe ich das Gefühl, dass man der Krankheit zugucken kann, wie sie immer mehr an mir kaputt macht. Das Reden fällt mir mittlerweile sehr schwer, zudem ist es extrem anstrengend. Das Duschen wird zum Kraftakt und grundsätzlich brauche ich immer mehr Hilfe. Essen ist ein Problem, Trinken auch. Ich werde wieder dünner und muss mich mit dem Gedanken an eine Magensonde anfreunden. Auch das Tracheostoma (Luftröhrenschnitt) schwebt im Raum. Vor diesem Schritt habe ich tatsächlich Angst. Ich hoffe, dass erstmal die Maskenbeatmung ausreicht.

Die zunehmende Abhängigkeit und die Isolierung meines Körpers finde ich zum Kotzen. Ich denke über Lebensqualität nach, über meine eigene und die meiner Angehörigen. Die Belastung gerade für meinen Mann ist so groß. Mein Sohn erzählte gestern, dass er von einigen Kindern in seiner Klasse gehänselt wird, weil seine Mama im Rollstuhl sitzt. Wie gerne würde ich diese Last von ihnen nehmen.

Wie soll das alles werden, wenn wirklich nichts mehr funktioniert außer dem Geist? Schaffe ich es überhaupt bis dahin?
In diesem Jahr sind wieder viel zu viele ALS Patienten verstorben und der zum Teil sehr schnelle Tod verunsichert mich sehr. Ich kann meinen Verlauf gerade nicht mehr gut einschätzen und weiß so gar nicht womit ich zu rechnen habe. Muss ich schon dankbar sein, dass ich noch lebe? Muss mein Ziel sein das nächste Weihnachten zu erleben oder ist das Quatsch?

Mein Motto lautet nach wie vor: Sorgen machen zu rechten Zeit!
Und so werde ich es auch 2020 halten und kann Euch nur raten es mir gleich zu tun.

Genießt das Leben, geht auf Reisen, lacht laut, ärgert Euch nicht über Lappalien, tanzt und seid glücklich, dass Ihr gesund seid.

Auch in diesem Jahr gibt es das EINE Lied für mich, dieses Mal ist es von Dave Matthews Band, zauberhaftes Cover und mein Lied 2019: Come on Come on

Ich wünsche Euch Allen nur das Beste für 2020.

 

Realitycheck.

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Dunkel war es heute Nacht da draußen und in mir. Die Nacht hatte ganz gut begonnen und ich wachte wie sonst üblich auch um kurz nach 1 auf. Ich kenne das schon. Der Kopf geht an und die Gedanken machen was sie wollen. Bevor sie aber in eine Richtung abbiegen, die mir nur Kummer und Tränen beschert spiele ich auf dem Handy etwas Backgammon in der Hoffnung wieder in den Schlaf zu fallen. Aber da habe ich die Rechnung ohne den Kopf gemacht, der will jetzt nicht schlafen. Also gut dann lese ich eben in der Biographie von Salman Rushdie weiter, die wir heute Abend im Lesekreis besprechen wollen und ich total hinterherhinke, obwohl es an dem Buch rein gar nichts auszusetzen gibt. So lese ich also von seinem Leben nach der Fatwa und bedaure ihn für sein Schicksal. Und dann landen meine Gedankenströme auf einmal bei mir und ich bedauere mich selbst.

Und da kommt er der Gedanken Tsunami und walzt alles platt.

Ich vermisse mein altes Leben, meine Freiheit, die Unbeschwertheit, das Tanzen, das laute Lachen, die lustigen Abende im Borchardt, meine Figur, das Laufen, das Reisen, leckeres Essen, die Unabhängigkeit und die schier unendlichen Möglichkeiten, die einem gesunden Menschen zu Verfügung stehen.
Und vor allem die Perspektive. Ich kann mir nicht sagen, es wird wieder besser. Es wird nie wieder besser und während ich das schreibe wird mir schlecht.

Ich kriege Angst.
Warum nur habe ich dieses verdammte Pech diese grausame Krankheit abgekriegt zu haben? Für meinen Geschmack hatte ich doch schon genug: schwere Hüft-Op als Kleinkind, meine Mama im Alter von 15 verloren, die erste große Liebe in den Drogentod ziehen lassen, nach der glücklichen Hochzeit unmittelbar nach der Hochzeitsreise eine Fehlgeburt erlitten und dann nicht mehr schwanger geworden. Dann die Tortur der künstlichen Befruchtung durchgezogen bis 2011 endlich der kleine Neil auf die Welt kam. Ein paar Jahre pures Glück und dann BÄMM die niederschmetternde Diagnose. Danke reicht. Mehr geht kaum.

Meine Seele ist verwüstet heute und in mir ist es jetzt ganz still.
Die Aufbauarbeiten beginnen und ich hoffe auf ein besseres Frühwarnsystem.

Mein erster offener Brief.

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Der geplante Gesetzes-Entwurf von unserem Gesundheitsminister macht mir Angst.
Und wer mich kennt weiß, ich habe keine Angst.

Hier kommt mein offener Brief an ihn.
Bitte helft mit und unterschreibt die Petition oder kommt morgen hierhin:
Sonntag, 18. August 2019
10:30 Uhr Treffen vor dem Bundesministerium für Gesundheit mit
anschließender Teilnahme an der Hausführung durch das Ministerium
um 11:00 Uhr Bundesministerium für Gesundheit, Friedrichstraße 108, 10117 Berlin
15:00 Uhr: Teilnahme an der Bürgersprechstunde von Minister Spahn
Ort: Haus der Bundespressekonferenz, Schiffbauerdamm 40, 10117 Berlin

 

Lieber Herr Spahn,

Nun sind ein paar Tage vergangen.
Ich wollte mir in Ruhe ein möglichst objektives Bild von Ihrem geplanten Gesetzesentwurf machen. Genau hinhören und verstehen und mir eine Meinung bilden.

Leider muss ich Ihnen sagen:
Dieser Entwurf versetzt mich in Angst und Schrecken und ich bin fassungslos, dass im Jahre 2019 der Gesellschaft so ein Rückschritt droht, wo wir doch alle immer von Inklusion reden. 

Der 40-jährige Kampf behinderter Menschen für ein Leben daheim wäre verloren.
Oder kurz: Ich fühle mich diskriminiert. 

Der Hintergrund:
Der Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung von Rehabilitation und intensivpflegerischer Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung, kurz „Reha- und Intensivpflege-Stärkungsgesetz – RISG“ sieht folgendes vor:

  • Intensivpflege mit Beatmung in den eigenen vier Wänden müsse absolute Ausnahme sein. 
  • Allein bei Kindern bleibt sie die Regel.
  • Für Pflege-WGs sollen die Qualitätsanforderungen massiv steigen
  • Krankenhäuser sollen die Beatmungsentwöhnung besser bezahlt bekommen

Die Hintergründe warum, weshalb, wieso erspare ich uns an dieser Stelle.
Sie wissen so gut wie ich, dass es in jeder Branche schwarze Schafe gibt, die nur an ihren eigenen Profit interessiert sind. Ich muss daher leider befürchten, dass es Ihnen hier nicht um das Patienten bzw Menschenwohl geht, sondern lediglich die Bilanz zu Buche schlägt. Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich Unrecht habe.

Nun zu mir:
Ich bin eine von rund 8000 ALS Patienten in Deutschland. 

Noch brauche ich zum Glück keine Beatmung, aber auch für mich wird sich eines Tages die Frage stellen, invasive Beatmung ja oder nein.

Die Zahl der künstlich beatmeten Patienten in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren erhöht und wird voraussichtlich noch weiter steigen, denn zum einen werden die Menschen immer älter und damit steigt die Gefahr an Leiden zu erkranken, die eine künstliche Beatmung nötig machen und zum anderen können heute Menschen am Leben erhalten werden, denen man vor einigen Jahren noch nicht helfen konnten. Daher ist die Zahl der ambulanten Beatmungspatienten ebenfalls deutlich gestiegen ist: Waren es 2005 erst 1000 Fälle, gehen Schätzungen heute von 15.000 bis 30.000 Patienten aus.

Ich habe etwas nachgeforscht:
Etwa 10 % der ALS Patienten entscheidet sich „nur“ für eine Langzeitbeatmung. Sie erfolgt durch einen Luftröhrenschnitt (Tracheotomie), intensivmedizinische Versorgung und Überleitung in eine Heimbeatmung. Es handelt sich um eine schwerwiegende Entscheidung, die mit körperlichen, psychischen und sozialen Belastungen verbunden ist. 
Durch die Verfügbarkeit elektronischer Kommunikationssysteme (z. B. Eyegaze) und des breiten Einsatzes elektronischer Kommunikationsformen kann aber die Lebensperspektive von ALS-Patienten wesentlich verändert werden. 

Ich habe mich relativ früh entschieden die Hilfsmittel und Wege anzunehmen, die sich mir bieten werden. Einer der Gründe dafür ist mein Mann und natürlich mein 8-jähriger Sohn. Ich selber habe meine Mutter im Alter von 15 Jahren verloren und möchte so lange wie möglich meinem Sohn zur Seite stehen können. Auch wenn ich schwer krank bin.
Ob meine Anwesenheit trotz des großen pflegerischen Aufwands nun eine Bereicherung oder eine Belastung ist, dazu können Sie gerne meine Angehörigen fragen. 

Zurück zum Gesetz:
Mir macht Ihr Gesetz große Angst.
Ganz ehrlich.
Dabei ist Angst keine Charaktereigenschaft, die mir inne wohnt. Ich habe auch keine Angst zu sterben, aber ihre Ansichten und die daraus resultierenden Konsequenzen beunruhigen mich sehr.

Wie soll ich damit umgehen? Ich will auf gar keinen Fall ins Heim oder in eine Beatmungs-WG. Ich möchte bei meiner Familie leben und meine Familie möchte mich bei sich haben. Ich möchte weiterhin selbst bestimmt leben können, auch wenn dies mit einer 24 Stunden-Pflege einher gehen wird. 

Oder habe ich Glück und der „Bestandsschutz“ greift noch bei mir? Bestandsschutz heißt: Diejenigen, die zum Zeitpunkt des Inkrafttretens des Gesetzes bereits zu Hause intensivpflegerisch versorgt werden ausgenommen. Aber nur 36 Monate!
Also muss ich mich jetzt beeilen, damit ich schnell künstlich beatmet werden, damit ich noch zum Bestandsschutz gehöre? Oder verschiebe ich lieber immer wieder den Termin in der Atemambulanz, damit mir bloß keine Beatmung droht? 

Wir haben schon genug zu tragen mit dieser Krankheit und jetzt kommen Sie auch noch mit dieser Idee? Wie können Sie es wagen derart über mich zu bestimmen? Beatmet zu sein bedeutet nicht, keinen eigenen Willen und kein Selbstbestimmungsrecht zu haben. 

Bitte denken Sie noch einmal nach und fragen Sie sich, wie es für Sie wäre, wenn Sie todkrank wären und dann der Gesundheitsminister mit solchen Plänen aufwartet?

Wenn dieser Gesetzes-Entwurf so beschlossen wird, werde ich meine Entscheidung zu einer künstlichen Beatmung gründlich überdenken. 

Denn unter diesen Vorraussetzungen möchte ich nicht leben.

mit besten Grüßen
Ihre Katrin Fillinger

Dieses Zitat von Erich Kästner trifft es eigentlich recht gut.

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Viel zu lange schon schiebe ich den Blogeintrag vor mir her.
Dieses Mal ist es genau anders, das lange Schweigen hat nichts damit zu tun, dass kaum was passiert ist, sondern genau das Gegenteil ist der Fall.

Im Detail heißt das zum Beispiel: Ich fahre jetzt durch’s Leben.
Eine Maschine mehr in meinem Kosmos. Auch wenn ich nicht mehr wirklich viel gelaufen bin, war ich zumindest in der Wohnung noch per Pedes unterwegs.
Da das Laufen mir aber zunehmend schwerer gefallen ist, habe ich mich entschlossen den Elektro-Rollstuhl, der jetzt seit 2,5 Jahren im Sanitätshaus wartet zum Einsatz zu bringen. Und wie das ist mit den Hilfsmittel leider so ist, ist auch dieses hier eine Einbahnstrasse. Deshalb habe ich mich auch so lange gesträubt.
Einmal sitzen – immer sitzen.

So rolle ich jetzt also durch die Gegend, mit Motor. Laufen kann ich nur noch ein paar Schritte. Auch wenn mein neuer „Tesla“ wirklich besonders klein ist, mussten wir doch auch erst noch Türen in der Wohnung verbreitern und das hat dann einen ganzen Rattenschwanz hinter sich hergezogen. Ist Klar.
Jetzt ist es geschafft. Der Boden ist zwar ruiniert, aber die Türen sind schön breit, sodass ich bequem ins Bad cruisen kann. Zugegebenermaßen bin ich dadurch deutlich mobiler. Mittlerweile habe ich mich auch an den Anblick dieser Maschine gewöhnt.

Den Sonderfahrdienst für Behinderte habe ich auch schon mehrfach genutzt und so erweitert sich mein Radius. Konzerte, Mittagessen, Shopping-Ausflüge in den Westen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, alles Dinge, die vorher deutlich komplexer in der Umsetzung waren. Insofern alles gut.

Nicht gut ist, dass meine Sprache deutlich verwaschener wird und ich mich jetzt beim Essen verschlucke und nicht mehr alles essen kann. Zu festes oder klebriges Essen kann ich dann nicht mehr schlucken, es bleibt in der Kehle stecken und bewegt sich dann nicht mehr. Husten, Spucken, Husten, Spucken, Schlucken and so on.
Gerade während der Mahlzeiten kann ich nicht gut sprechen, so werden Lunch-Verabredungen auch immer seltener.

Ebenfalls neu in unserem Leben ist der mobile Pflegedienst, der morgens und mittags kommt, um mir bei der Körperpflege und Toilettengängen behilflich zu sein.
Nicht leicht morgens um 7:45 vor einer fremden Frau die Hosen runterzulassen und sich nackig zu machen. Zumindest ist es kein Mann. Bis jetzt.

Das sind sie wohl die wesentlichen Neuerungen in meinem Dasein.

Respekt habe ich vor dem Termin in der Atemambulanz in der kommenden Woche. Denn auch mir wurde zu einer nächtlichen Beatmung geraten, sprich die Atempumpe ist geschwächt und soll in der Nacht entlastet werden. Heißt ich werde in Zukunft mit Maske schlafen müssen. Werde Euch berichten wie es mir mit der neuen Maschine in meinem Leben geht..

Zum Schluss möchte ich an die vor kurzem verstorbenen ALS-Patienten erinnern.
Einer davon war Christian Conrad, ähnlich alt wie ich, Vater von 3 Kindern, wohnte bei mir um die Ecke. Ich kann es immer noch nicht verstehen, denn er hatte gerade den Luftröhrenschnitt machen lassen. Mehrfach wollten wir uns treffen, haben es aber irgendwie nie geschafft. Ich bin traurig, dass die Krankheit wieder 3 Menschen klein gekriegt hat.

 

Rechts oder links. Oben und Unten.

2018 neigt sich dem wohlverdienten Ende zu.

2018 war ein buntes Jahr, ich habe zum ersten Mal Murmeltiere gesehen, ein Label gegründet, Burt Bacharach neunzigjährig live bestaunt, eine Traumhochzeit besucht, zu wenig gute Bücher gelesen, dafür angefangen zu schreiben. Gemüse angebaut, mit Schafen geblökt, sowieso sehr viel gesungen. Weihnachten im eigenem Heim mit den Eltern und Schwiegereltern gefeiert, mein Auto verkauft (nur den A2, der Alfa Spider wird eines Tages meinem Sohn gehören). Eine Patientenverfügung durchgelesen. Immerhin. Wünsche erfüllt und erfüllt bekommen. Aufgehört zu rauchen. Einen traumhaften Regenbogen und einen wunderschönen Sonnenuntergang gesehen.
Viel gelacht und wenig geweint.

Für mich ist es aber auch das Jahr des Abschiednehmens.
Loslassen ist meine große Herausforderung in dieser Zeit.
Lernen nicht wehmütig zu sein.
Nicht zu hadern, nicht schwach zu werden, nicht aufzugeben und mich dem Leid hinzugeben. Immer wieder Kraft zu schöpfen. Nicht neidisch zu sein auf alle, die gesund sind und nicht wissen, wie wertvoll dieses Gut ist.
Nicht die Hoffnung zu verlieren.
Weiter die Katrin zu bleiben, die ich mal war.

Fällt mir schwer. Ehrlich.

Da dieser Blog aber nicht ohne Grund „Eine Frage der Einstellung heißt“ ist für mich vieles eine Haltungsfrage. Ich lebe ich in einem Spannungsbogen zwischen Oben und Unten. Zwischen rechts und links.
Mal gibt es ein halb volles Glas, und ja, es ist trotz Krankheit noch ganz schön voll.
Voll von Leben, voll von Freundschaft, voll von Liebe und Sonnenschein. Voll von Musik, Tatendrang und Reisen.
Und ein halb leeres Glas. Leer halt.

Es gibt solche und solche Tage. Grundsätzlich bin ich für Oben. Denn unten riecht es schlecht, es ist dunkel und feucht. Oben scheint die Sonne, es duftet und die Sterne funkeln bei Nacht. Kurz: Es bringt rein gar nichts zu lamentieren, es bringt nur schlechte Laune. Und wer will schon schlechte Laune haben? vor allem, wenn das Leben ohnehin schon verkürzt ist. Also drehen wir das Setting, so wie es uns gefällt und machen das Beste draus. Denn eins ist klar: Besser wird’s nimmer.

Da es jedes Jahr das eine Lied gibt, das ich mit diesem Jahr verbinde ist es nur logisch, dass es in diesem Jahr zwei Lieder geben muss. „Knights of Malta“ von den Smashing Pumpkins, weil diese Textzeilen ganz viel Katrin sind. Und die Musik mich nach oben bringt.

We’re gonna make this happen
I’m gonna fly forever
We’re gonna ride the rainbow

und „Alfie“ von Burt Bacharach. Weil diese Zeilen ganz viel Katrin sind und die Musik mich begleitet, wenn ich mal unten bin.

What’s it all about, Alfie
Is it just for the moment we live
What’s it all about when you sort it out, Alfie

Und da ich bis dato anonym geblieben bin, gibt es dieses Jahr zum ersten Mal ein Foto von mir, entstanden an Ostern an der schönen Cote d’zur. So sehe ich also aus.

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Ich wünsche Euch allen ein guten Start ins neue Jahr.
Möge 2019 ein gutes Jahr werden.

 

 

 

 

 

15 Minuten oder einen Eimer Müll bitte.

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Am vergangenen Freitag war ich zur Kontrolle in der ALS Ambulanz.
Der Termin war leider alles andere als erfreulich und ich bin immer noch dabei die vielen Dingen, die mir gesagt wurden zu verdauen.

Meine behandelnde Ärztin neigt dazu frühzeitig die Pferde scheu zu machen und mich damit derartig zu verunsichern, dass ich nicht wirklich einschätzen kann wie schlimm es wirklich steht. Es ist die gleiche Ärztin, die mir vor 2,5 Jahre bereits einen Elektrorollstuhl und einen Falt-Rollstuhl verordnet hat. Der E-Rolli steht immer noch im Sanitätshaus und modert vor sich hin. Damals dachte ich, ich werde bald nicht mehr laufen… heute weiß ich: Quatsch mit Soße.

Ja – meine Sprache wird unsauber, das merke nicht nur ich, sondern vor allem mein Umfeld. Ich weiß das. Zack – da müssen wir dann ein spezielles Gerät verschreiben, dass in Zukunft meine Sätze für mich spricht. Aha. Ok.
Und wäre vielleicht Logopädie auch eine Möglichkeit? Ja machen wir zusätzlich.
Später stellt man dann um auf Augensteuerung um.
Später? Wann wird das sein?
Nächster Punkt: Die Atmung, der Flow-wert liegt bei 200 und die Lungenkapazität bei 63%, Sauerstoff Sättigung bei 97%. Ich selber habe nicht den Eindruck, dass ich schlecht atme, aber gut. Zack – wir brauchen einen Hustenassistenten und außerdem möchte sie mich in die Atemklinik überweisen.
Dort wird geklärt ob ich eine Atemhilfe brauche oder nicht. Meine Ärztin erklärt mir, dass wenn der Kohlendioxid-Gehalt im Blut steigt, es sein kann, dass man nicht mehr aufwacht. Das wäre insofern schön, dass man nichts merkt, aber wenn man andere Pläne hat, sollte man das kontrollieren… Halleluja.

Bei dem Satz hat es mir schon den Atem verschlagen. Dann kommt sie mit dem Tablett mit Sprachsteuerung, on top der Hustenassistent und dann die Atemklinik.
Da hätte man als sensibler Mensch schon aufhören müssen. Sie muss doch merken, dass ich mit all diesen Informationen überfordert bin. Aber Nein sie muss das alles noch toppen, indem sie mir die Patientenverfügung in die Hand drückt.
Woraufhin sich alle Schleusen bei mir öffnen und ich einfach nur noch weinen kann. Die Ärztin ist peinlich berührt. Lässt mir einen Moment Zeit und will dann zur Tagesordnung übergehen. Und ich will nur noch raus.
Auch das bemerkt sie nicht und ich bin heute noch fassungslos über diesen Termin.

Wie ein Arzt so atemberaubend unsensibel im Umgang mit einem todkranken Menschen sein kann ist mir völlig schleierhaft. Geht es nicht darum den Menschen zu helfen?
Mir wurde jedenfalls nicht geholfen, sondern ganz das Gegenteil ist der Fall.
Ich bin demotiviert und verängstigt.

Die eigentliche Botschaft, dass sich der FSR Wert nicht verändert hat, sprich der Verlauf nach wie vor ein langsamer ist geht völlig unter.
Daran halte ich mich jetzt fest.

Ich habe heute eine entsprechende Mail an die Ärztin geschrieben.
Ich atme tief ein. Und Nein ich werde nicht mehr ihre Patientin sein.

 

Aus der Not die Tugend gemacht.

Dieser Blog Artikel ist zwei meiner Freundinnen gewidmet.

Ich wurde aufgefordert zu erzählen, was ich so alles mache, obwohl ich an ALS erkrankt bin.
Ok mach ich. Bittesehr.

Seitdem ich krank bin, wurde das Arbeiten außerhalb der eigenen 4 Wände zunehmend komplizierter und da kam es gerade recht, dass die Illustratoren Repräsentanz, für die ich einige Zeit gearbeitet hatte, einen neuen Inhaber suchte.
So bin ich also seit April 2017 stolze Betreiberin der Repräsentanz für Illustratoren namens Eggergrey. Sprich ich bin Agentin (oder wie mein Sohn sagt Spionin). Ich vermittle Illustratoren an Werbeagenturen, Verlage oder auch direkt an Kunden.
Das macht mir Freude und ich kann den Job einfach von Zuhause aus machen, dazu brauche ich nur meinen Computer und Zeit. Und die habe ich genug.
Diese tolle Arbeit hat einer meiner Illustratoren in der letzten Zeit gezeichnet:

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Nebenbei habe ich eine kleine Papier Manufaktur namens Mrs Write. Hier kann ich meine grafische Passion ausleben, denn schließlich habe ich ja mal Design studiert. Da gibt es von Poster zur Einschulung über Weihnachtskarten viele schöne Dinge auf Papier. Man findet die Dinge bei Etsy im Shop: www.etsy.com/MrsWriteStudio
Diese Karte aus dem letzten Jahr war etwas ganz Besonderes, denn jede Karte von mir mit Hand mit einem Perlenpen mit den Punkten versehen.

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Und dann gibt es seit einiger Zeit noch ein neues Label: Mrs Jewel
Weil ja noch etwas Zeit übrig ist und ich einfach gerne manuell arbeite fertige ich Schmuck und neuerdings auch Brillenketten. Auch hier kann man sich einen Überblick verschaffen: mrsjewel.de

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Was ich eigentlich sagen will ist: Nicht den Kopf hängen lassen.
Man kann auch mit einer schweren Krankheit wie ALS noch arbeiten und erfolgreich  sein, abhängig natürlich vom körperlichen Zustand.
Rumsitzen und Trübsal blasen bringt rein gar nichts. Kreativ sein, schöne Dinge machen, sich ablenken und über Dinge nachdenken, das hilft.
Ich will Euch Mut machen. Manchmal muss man einfach anfangen.
Handeln, nicht alles zerdenken.

 

Mein Sommer in den Bergen.

Mein Mann liebt die Berge, ich bin ja eher so ein Meer-Typ. Aber da wir an Ostern bereits in Südfrankreich waren und diesen Sommer gemeinsam mit Omi und Opi verreisen wollten, hat es sich angeboten nach Österreich zu fahren.
Unser neues großes Auto hat jetzt genug Platz für Rollstuhl und Rollator und außerdem auch noch spezielle ergonomische Sitze mit Massagefunktion (oha!), sodass die lange Autofahrt ins Zillertal auch für mich machbar war, ohne dass ich das Gefühl hatte, das mein Rücken durchbricht.

Unsere erste Anlaufstelle war das Hotel Crystal in Fügen. Wir hatten eine tolle Suite gebucht, ein extra großes Zimmer mit Schlafcouch für den Nachwuchs und zwei Bädern. Der Clou: von der Badewanne direkt auf die Berge gucken. Und natürlich rollstuhlgerecht.
Hier ein paar Eindrücke:

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Das Wetter war auch hier fantastisch und die Temperaturen genauso hoch wie in Deutschland. Das Servicepersonal im Hotel war außergewöhnlich freundlich, jeder Wunsch wurde sofort erfüllt. Also I like.

Das Zillertal hat einiges zu bieten u.a. den Achensee. Die Farbe dieses Sees kann dem Wasser auf den Malediven Konkurrenz machen, man kann es kaum glauben.

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Ich schwöre keinen Filter auf die Fotos gelegt zu haben. Ist es nicht wunderschön?
Ja das ist es wirklich.
Für alle die auf einen Rollstuhl angewiesen und eine Achensee-Rundfahrt machen wollen gibt ein großes Schiff mit extra Hublift und großer Behindertengerechter Toilette, sodass einem Ausflug für Menschen mit Handicap nichts im Wege steht.
Und es lohnt sich.

Dann waren wir noch an den Krimmler Wasserfällen. Diese sind mit einer gesamten Fallhöhe von 385 m die höchsten Wasserfälle Österreichs. Es waren viele Menschen dort, der Weg ging steil bergab bis man erst einmal unten angekommen war. Das ging noch mit dem Rollstuhl, obwohl das Ding tatsächlich keine Bremsen hat. (Die Krankenkasse genehmigt dies nicht in Berlin, zu wenig „Berge“ – Ey…). Ganz bis runter konnten wir nicht gehen, der Weg war einfach zu steil und der Rückweg wäre definitiv zu fies gewesen. Gesehen habe ich ihn aber den Wasserfall.

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Aber der zweitägige Ausflug einst 1990 zum Salto Angel in Venezuela der 998m in die Tiefe fällt (Astrid Du erinnerst Dich: „Here is a waterfall you can have a swim now…“) ist einfach nicht zu toppen.

Der Abstieg war also gerade noch machbar, aber der Aufstieg war für meinen Mann eine echte Herausforderung. Ich bin nicht mehr die Leichteste und der Rollstuhl wiegt ja auch noch mal… Keiner von den vielen Menschen kam auf die Idee zu helfen. Zumindest keiner von den Deutschen. Aber ein kleines altes Männelein aus Saudi Arabien, das mit seiner ganzen Sippe zu Besuch war, sah das Dilemma und eilte sofort zu Hilfe. Da können sich die Deutschen mal eine Scheibe abschneiden. Diese Selbstverständlichkeit, diese Hilfsbereitschaft findet man leider viel zu selten in unserem Breitengrad,

Die zweite Hälfte unseres Urlaubs wollten wir in Oberstdorf verbringen.
Die Fahrt dorthin wurde ( Vielen Dank liebes Navi! ) zu einer der schönsten Strecken, die ich je gefahren bin. Der Fernpass war dicht, sodass wir über das Hahnfennjoch geleitet wurden und bitte glaubt mir: Es ist Whow.
Wie schön unser Deutschland ist, obwohl dies auch gut in Neuseeland sein könnte:

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Also merken: H A H N T E N N J O C H  (Das Hahntennjoch, seltener auch Hantenjoch oder Hantennjoch genannt, ist ein 1894 m ü. A. hoher Gebirgspass in Österreich, der das obere Inntal mit dem Tiroler Lechtal verbindet.

Nach dieser grandiosen Fahrt waren wir alle sehr glücklich. In Oberstdorf waren wir in einem Hotel gebucht, einem Hotel mit lauter Extras für Rollstuhlfahrer.
Ich freute mich also auf das Schwimmbad, weil es hier einen Poollift gab. Aber schon beim Ankommen sahen wir lauter schwer Kranke, in Rollstühlen, teilweise beatmet und ich fühlte mich sofort unwohl. Ich konnte nichts anders.
Tränen kullerten eine ganze Weile.
Zum Glück war ich nicht allein damit. Es ging allen so und schnell war klar, wir können hier nicht bleiben. Mein kleiner Sohn wäre auch völlig überfordert gewesen mit dem Anblick. Wir haben kurz entschlossen im Hotel Crystal angerufen und sind einfach wieder zurück gefahren.

Ich habe länger gebraucht diesen Eintrag zu schreiben.
Die Unsicherheit ob ich dies so offen schreiben kann war sehr groß.
Ich bin ja selber schwer krank.
Aber ich möchte im Urlaub nicht permanent das große Leid Anderer vor Augen haben. Definitiv not. Jetzt kann man mich fragen, warum wir dort gebucht haben?
In meiner mir so eigenen Naivität dachte ich irgendwie an eine Mischung aus Kranken und Gesunden. An Inklusion eben. Aber dies fühlte sich eher wie eine Krankenstation auf dem Land an. Alles sehr praktisch, aber eben für mich, und das ist das Wichtigste für mich zuviel Leid. Und viel zu wenig Freud‘.

So waren wir dann noch einmal eine Woche im schönen Zillertal.
Ich habe in der Sonne gelegen, richtig auf einer Liege. Purer Luxus für mich mittlerweile. Die Liegen sind üblicherweise einfach zu niedrig, sodass ich nicht wieder hochkomme. Hier gab es aber zwei Auflagen aus einer Muschel, die ich nutze konnte. Herrlich, nicht den ganz Tag im Rollstuhl zu sitzen. Sogar schwimmen war ich ein paar Mal, mein Liebster hat mich einfach mit dem Rollstuhl ins Wasser gelassen, rein ging es ganz gut, raus war es ein schöner Kraftakt mich und das schwere Gefährt wieder aus dem Wasser zu hieven. Zum Glück gab es ein paar hilfsbereite Menschen, die mit angepackt haben.
Ich habe das Hotel Crystal gebeten einen Poollift in ihrem Schwimmbad anzubringen, Es wäre zu schön. Wer weiß vielleicht habe ich Glück?

Denn ich mag schwimmen.

showimg_jmc10_desktopFoto by JODY MACDONALD